Die Rückzugszone: Warum gute Workshops auch Orte für leise Gespräche brauche
Drei Sofas stehen bei uns im Design Thinking Space ein wenig abseits vom eigentlichen Workshopgeschehen. Es stehen dort keine Flipcharts, es gibt keine Post-its und selten nur Moderation. Im Grunde ist es ein kleiner Kreis, der fast automatisch dazu führt, dass sich zwei oder drei Menschen dort zusammensetzen. Interessanterweise sprechen sie dort leiser. Manchmal lachen sie und manchmal wird es ernst.
Und oft entstehen dort Gespräche, die im Workshop selbst keinen Raum gefunden hätten.
Warum Rückzugsorte wichtig sind
In vielen Workshop-Settings wird der Fokus stark auf Aktivität gelegt: Gruppenarbeiten, Präsentationen, Diskussionen, Ideengenerieren. Das ist verständlich, denn schließlich soll etwas entstehen.
Was dabei leicht übersehen wird ist, dass Menschen Gedanken nicht nur im Plenum verarbeiten. Ein großer Teil wichtiger Erkenntnisse entsteht im kleineren Rahmen: im Gespräch zu zweit, in einer kurzen Pause oder in einem Moment, in dem jemand sagen kann: „Darf ich dir kurz etwas erzählen?“
Psychologisch ist das gut erklärbar. In großen Gruppen reagieren Menschen stärker auf soziale Erwartungen. Sie überlegen, wie ihre Aussagen wirken, ob sie missverstanden werden könnten oder ob sie hier überhaupt hingehören.
In kleineren, informellen Gesprächen sinkt diese soziale Spannung. Gedanken werden roher, ehrlicher, manchmal auch mutiger ausgesprochen.
Oft sind es genau diese Sätze, die später den Unterschied machen.
Die Kraft des kleinen Kreises
Die drei Sofas stehen bewusst so, dass ein kleiner Kreis entsteht. Das ist kein Zufall, denn der Kreis signalisiert Gleichrangigkeit. Niemand sitzt vorne, niemand hinten. Gespräche verlaufen automatisch anders, wenn Menschen einander direkt gegenüber sitzen.
In Workshops kann man beobachten, wie sich die Atmosphäre dort verändert. Die Stimmen werden ruhiger, die Körperhaltung entspannter. Menschen lehnen sich zurück, statt sich nach vorne zu präsentieren.
Der Raum sagt gewissermaßen, dass hier niemand etwas leisten muss. Und genau deshalb wird dort oft mehr gesagt als im offiziellen Teil des Workshops.
Was dort wirklich passiert
Viele der Gespräche in dieser Lounge sind keine Pausenplaudereien.
Man hört Sätze wie:
„Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich das richtige Problem diskutieren.“
„Das wollte ich vorhin nicht vor allen sagen.“
„Eigentlich beschäftigt mich etwas anderes.“
Solche Gedanken entstehen selten spontan im Plenum, denn sie brauchen einen Moment der Sicherheit. Die Lounge wird dadurch zu einem Ort der Klärung.
Oft kehren Menschen danach zurück in den Workshop und formulieren ihre Gedanken klarer. Manchmal wird eine Idee weiterentwickelt, manchmal ein Missverständnis geklärt.
Der eigentliche Durchbruch im Workshop passiert dann scheinbar plötzlich, obwohl er ein paar Minuten zuvor auf dem Sofa begonnen hat.
Rückzug ist kein Ausstieg
Manche Moderatoren haben Sorge, wenn Teilnehmer:innen sich aus der Gruppe zurückziehen. Es wirkt, als würden sie sich entziehen. In der Praxis passiert oft das Gegenteil.
Rückzugsorte ermöglichen Beteiligung auf eine andere Weise, denn nicht jeder Gedanke ist sofort bereit für das große Publikum. Manchmal braucht er zuerst ein Gespräch im kleinen Kreis.
Diese Zwischenräume sind wichtig. Sie geben Gedanken Zeit zu reifen. Ein guter Workshop besteht nicht nur aus Aktivität, sondern auch aus Momenten, in denen Menschen Abstand gewinnen dürfen.
Das zeigen auch Studien zur Kreativitätsforschung: Viele der bedeutendsten wissenschaftlichen Ideen entstanden nicht während formeller Diskussionen, sondern in sogenannten „adjacent spaces“, also Nebenräumen, Fluren oder Sofaecken.
Der berühmte Physiker Richard Feynman sagte einmal, dass seine besten Gespräche nicht im Seminarraum stattfanden, sondern „auf dem Sofa danach“.
Offenbar braucht Denken manchmal genau das: einen Ort, der nicht nach Denken aussieht.
Warum diese Sofas im Raum stehen
Unser Lounge ist kein dekoratives Element. Sie erfüllt eine Funktion, die in vielen Arbeitsumgebungen fehlt: Sie erlaubt Rückzug, ohne dass jemand den Raum verlassen muss.
Dadurch bleibt man Teil des Workshops und hat gleichzeitig einen Moment Distanz. Dieser kleine Unterschied verändert viel. Gespräche werden persönlicher, ehrlicher und oft auch lösungsorientierter.
Der Raum signalisiert damit etwas Wichtiges:
Nicht jede Erkenntnis entsteht im Rampenlicht.
Besonders wertvoll, wenn …
Eine Rückzugszone wirkt besonders stark bei:
Gruppen mit unterschiedlichen Hierarchieebenen
Workshops mit sensiblen oder konfliktreichen Themen
langen Arbeitstagen mit hoher inhaltlicher Dichte
Teams, die sich noch nicht gut kennen
Überall dort, wo Vertrauen erst entstehen muss.
Fazit
Die drei Sofas im Lounge-Bereich unseres Design Thinking Space wirken unscheinbar. Sie moderieren keinen Workshop, strukturieren keine Diskussion und liefern keine Methode. Und doch leisten sie etwas Entscheidendes.
Sie schaffen einen Ort für:
intime Gespräche
ehrliche Gedanken
kurze Klärungen
und kleine Momente des Vertrauens
Manchmal braucht Zusammenarbeit nicht mehr Struktur, sondern einfach einen Platz, an dem zwei Menschen kurz zusammensitzen können.